Rachel Neiger, geb. Tuszynska, hatte in der Vorkriegszeit die Oberschule abgeschlossen und wollte an der Universität Warschau Bakteriologie studieren. Aufgrund antijüdischer Quoten, die nur eine begrenzte Zahl jüdischer Studierender zuließen, wurde sie aber nicht aufgenommen. Sie begann eine Ausbildung als Krankenpflegerin in Łódź.
Rachel Neiger
Krankenschwester und Kinderpflegerin (geb. 1914 Tomaszów Mazowiecki, gest. 2003 New York)
Rachel Neiger als Angestellte der UNRRA, 6. April 1947
(Ghetto Fighter´s Archives, Israel, Catalog No.: 21661)
Im Ghetto Litzmannstadt (Łódź) 1940 bis 1944
Nach der Errichtung des Ghettos Litzmannstadt (Łódź) musste sie, wie die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt, dorthin umsiedeln. Sie arbeitete in einem der Krankenhäuser des Ghettos und kümmerte sich dort um jüdische Kinder. Auf Anordnung des von den Deutschen ernannten sogenannten Judenältesten des Ghettos, Chaim Rumkowski, war sie Teil einer Gruppe von Angestellten, die die Anweisung ausführten, jüdische Kinder im Krankenhaus des Ghettos zu sammeln. Alle diese Kinder wurden auf deutschen Befehl hin ermordet.1
„Es gab ein Kinderkrankenhaus, und sie beschlossen, alle Kinder an einem Ort unterzubringen. Rumkowski gab allen Krankenschwestern den Befehl, die Kinder zu versammeln. Er gab uns Adressen, zu denen wir gehen sollten, um die Kinder abzuholen, und er sagte, dass alle Kinder, die wir abholten, in das Kinderkrankenhaus gebracht und gerettet würden. Als wir an die Türen klopften, wollten die Mütter die Türen nicht öffnen. Wir sagten ihnen, dass wir Befehle von Rumkowski hätten und dass diese Kinder gerettet würden. Also sagten wir den Müttern, sie sollten die Kinder am Morgen an einen bestimmten Ort bringen, und das taten sie auch. […] Später, eines Tages, kamen sie ins Krankenhaus und evakuierten alle Kinder, die dorthin gebracht worden waren. Sie nahmen sie mit, und man sah sie nie wieder.“2
Ihr damaliger erster Ehemann Leon Rosen (geb. 30. Dezember 1909 in Łódź) kämpfte in der polnischen Armee. Er hatte in Łódź Abitur am Jaroczerski-Gymnasium gemacht, ein Diplom der Freien Hochschule (Wolna Wszechnica) Łódź erworben und war Inhaber eines Konfektionsgeschäfts in Brzeziny.3 Sie spricht in einem Nachkriegsinterview wenig über ihn. 1942 wurde er in das Arbeitslager „Waldfrieden“ bei Łódź verschleppt, wo er vermutlich erschossen wurde.
Deportation in die KZ Auschwitz-Birkenau und Stutthof
Im Zuge des Auflösungsprozesses des Ghettos Litzmannstadt ab Mai 1944 wurde Rachel Neiger nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie noch nicht, dass die SS die Mehrzahl der Deportierten gezielt in den dortigen Gaskammern ermordete. Bereits nach wenigen Tagen wurde sie in das KZ Stutthof bei Danzig überstellt. Täglich teilte sie in Stutthof die kargen Mahlzeiten mit ihrer Schwägerin.
"Dann bekam ich, weil ich beim Reinigen der Toiletten geholfen hatte, noch eine Schüssel Suppe. Diese Schüssel gab ich meiner Schwägerin […]. Ich sagte ihr, sie solle jeden Tag kommen und sich diese zusätzliche Schüssel Suppe holen, da ich genug hätte, aber eines Tages kam sie nicht mehr. Als ich sie fand, war sie bereits tot."4
Als sie übrig gebliebene Suppe an geschwächte Häftlinge verteilte, verprügelten Wachen sie zur Strafe.
Ich habe immer noch eine große Narbe auf meinem Kopf, wo ich eine Fraktur hatte. Ich hatte einen Schädelbruch, zwei gebrochene Rippen und meine Hände waren ebenfalls verletzt, weil ich mit Schuhen geschlagen worden war. Die anderen hatten Angst, dass mich die Aufseherin beim Appell erkennen würde, also brachten sie mich ans Ende [der Baracke] und stellten mich an die Wand, damit ich nicht umfallen würde. So habe ich überlebt.5
Das Kriegsende in Neustadt in Holstein
Im Zuge der Räumung des KZ Stutthof wurde Rachel Neiger auf einen Todesmarsch nach Deutschland getrieben. Sie überlebte die mehrtägige Überfahrt über die Ostsee und den Todesmarsch aus Stutthof und erlebte das Kriegsende in Neustadt in Holstein. Hier wurde sie am 3. Mai von britischen Truppen befreit und meldete sich freiwillig, um bei der Versorgung der Überlebenden zu helfen. Doch das Gehen fiel ihr schwer. Eine Untersuchung zeigte, dass der Mangel an Flüssigkeit zwischen ihren Knochen, vermutlich aufgrund von Dehydrierung, starke Schmerzen auslöste. Vermutlich hatte sie Hungerödeme. Auf Vermittlung von Norbert Wollheim, stellvertretender Vorsitzender des Zentralkomitees der befreiten Juden in der Britischen Zone im DP-Lager Bergen-Belsen, begann sie für die jüdische Hilfsorganisation American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) zu arbeiten und wurde nach kurzer Zeit auch nach Lübeck geschickt. Sie kümmerte sich gezielt um Kinder und arbeitet in einem Krankenhaus der Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen (UNRRA).
„Ich habe von der UNRRA viele Schokoladentafeln bekommen und habe sie den Kindern gegeben, die zur Untersuchung in das Krankenhaus kamen. Die Mütter wollten ihre Kinder nicht mitbringen, aber wenn die Kinder wussten, dass sie ein Stück Schokolade bekommen, zwangen sie ihre Mütter, sie zu den regelmäßigen Untersuchungen mitnehmen.“6
Im jüdischen Kinderheim in Hamburg-Blankenese
Ab 1947 arbeitete sie im jüdischen Kinderheim in Hamburg-Blankenese, das das American Jewish Joint Distribution Committee in einer Villa der jüdischen Bankiersfamilie Warburg, die von den Nationalsozialisten enteignet worden war, eingerichtet hatte. Dort lebten in den ersten Nachkriegsjahren 1946 bis 1948 jüdische Kinder, die den Holocaust im Versteck überlebt hatten. Auch jüdische Kinder, die nach ihrer Befreiung zuerst im jüdischen Teil des DP-Lagers in Neustadt in Holstein lebten, wurden nach Blankenese gebracht. Eine von Rachel Neigers Aufgaben in Blankenese bestand darin, deren Angehörige zu lokalisieren. Dies blieb in vielen Fällen allerdings ohne Erfolg. Kinder ohne Angehörige wurden mithilfe zionistischer Organisationen nach "Eretz Israel", damals das britische Mandatsgebiet Palästina, verschickt.
1949 wanderte Rachel Neiger in die USA aus. Dort heiratete sie 1952 ein zweites Mal. Ihr Ehemann Max Markus Neiger stammte aus Kraków (Krakau) und hatte den Holocaust als Geflüchteter in der Sowjetunion überlebt. Das Paar lebte später in New York, und auch dort arbeitete Rachel Neiger in verschiedenen Krankenhäusern.
Ihre Geschichte erzählte sie 1992 in einem Videointerview, das im US-amerikanischen Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies veröffentlicht wurde.
Das Album aus dem Kinderheim Blankenese bewahrte Rachel Neiger Jahrzehnte in einem Pappköfferchen auf und zeigte es erst mit fast 80 Jahren ihrer Nichte. 1994, fast 50 Jahre nach dem Ende des Holocaust, brachte Rachel Neiger eben dieses Köfferchen nach Israel. Es wird heute im Archiv des Museums der Ghettokämpfer in Akko verwahrt.
Ihre Nichte Tamar Neiger erinnerte sich, wie sie zum ersten Mal von der Geschichte des Albums erfuhr, als sie nächtelang mit ihrer Tante zusammensaß und diese ihr von den Jahren der Verfolgung und Erniedrigungen während des Holocaust berichtete: „In einer dieser Nächte zog sie plötzlich das Album hervor und sagte, in diesem Heim sei sie etwas ‚wert‘ gewesen. In all den Jahren danach, in denen sie in Krankenhäusern in New York arbeitete, habe sie sich niemals so sehr gebraucht gefühlt wie in diesem Kinderheim, in dem die Kindergruppen und ihre Betreuer Station machten auf ihrem Weg nach ,Erez Israel‘.“7
Rachel Neiger starb 2003 in New York.
Quellen und Literatur
Arolsen Archives
Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies (Yale University), Rachel N. Holocaust testimony (1992, Living Memorial to the Holocaust-Museum of Jewish Heritage), HVT-2010
Steinhäuser, Frauke: „Ich habe in Blankenese wieder Lachen gelernt“. Kinder und Jugendliche im Displaced-Persons-Lager auf dem Kösterberg, in: Hellwig, Friedemann, Steinhäuser, Frauke, Kramer, Alan, u.a. (Hrsg.), „Menschen, die plötzlich nicht mehr da waren“. Jüdisches Leben in Hamburg-Blankenese, Hamburg 2024
Verein zur Erforschung der Geschichte der Juden in Blankenese: Kirschen auf der Elbe – Das jüdische Kinderheim Blankenese 1946–1948, Hamburg 2006
Fußnoten
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Das Reichssicherheitshauptamt befahl Ende August 1942, alle Ghettobewohner:innen jünger als zehn und älter als 65 Jahre inklusive Kranker in das Vernichtungslager Kulmhof zu deportieren. Dieser Aktion fielen insgesamt 15.685 Jüdinnen und Juden zum Opfer, darunter 5.860 Kinder. Andrea Löw: Juden im Ghetto Litzmannstadt. Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten, Göttingen 2006, S. 292.
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“There was a children's hospital, and they decided to put all the children in one place. Rumkowski gave an order to all the nurses to collect the children. He gave us addresses to go to, in order to pick up the children, and he said that the children we picked up would all be put in the children's hospital, and they would be saved. When we knocked on the doors, the mothers didn't want to open the doors. We said to them that we had orders from Rumkowski, and that those children would be saved. So we told the mothers to bring the children to a particular place in the morning, and they did. I don't know how long they kept them there, but they took all the other children away in the meantime. Later, one day, they came to the hospital and evacuated all the children who had been brought in. They took them away, and they were never seen again.“ Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies (Yale University), Rachel N. Holocaust testimony (1992, Living Memorial to the Holocaust-Museum of Jewish Heritage), HVT-2010.
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Entschädigungsakte Rachela Neiger in: Landesarchiv Schleswig-Holstein Abt. 761 Nr. 24438.
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Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies (Yale University), Rachel N. Holocaust testimony (1992, Living Memorial to the Holocaust-Museum of Jewish Heritage), HVT-2010.
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“I still have a big scar on my head where I had a fracture. I had a fractured skull, two fractured ribs, and my hands were also injured from being hit with the shoes. The others were worried that I would be recognized by the overseer during Appell, so they took me to the end and stood me against the wall so I wouldn't fall. This is how I survived.“ Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies (Yale University), Rachel N. Holocaust testimony (1992, Living Memorial to the Holocaust-Museum of Jewish Heritage), HVT-2010.
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6
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Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies (Yale University), Rachel N. Holocaust testimony (1992, Living Memorial to the Holocaust-Museum of Jewish Heritage), HVT-2010.
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7
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Verein zur Erforschung der Geschichte der Juden in Blankenese: Kirschen auf der Elbe – Das jüdische Kinderheim Blankenese 1946-1948, Hamburg 2006, S. 183.
Empfohlene Zitierweise für diesen Artikel
Dr. Verena Buser: Rachel Neiger, in: Cap-Arcona-Portal (Veröffentlichung 29.05.2026), https://cap-arcona.atw.io/de/vertiefen/artikel/rachel-neiger [2026]